Ali Smiths Public Library und die Perfektionismusfalle

Meinen ersten Blogeintrag nach vier wundervollen Wochen Indonesien wollte ich schon vor einigen Wochen schreiben und wie immer sind mir tausend Ausreden eingefallen um mich mit anderen Dingen zu beschäftigen. Da ich mich selbst und meine Schreibgewohnheiten zu gut kenne, weiß ich, dass das nichts mit einem Mangel an Ideen oder Motivation zu tun hat. Leider liegt es mehr daran, dass ich immer das Gefühl habe ein Eintrag ist nicht wichtig oder gut genug um ihn tatsächlich zu schreiben. Die typische Perfektionismusfalle in die ich, obwohl ich sie mir selbst stelle und sehr genau weiß wie sie aussieht und wo sie steht, doch immer wieder hineinfalle.

Allerdings glaube ich auch, dass die Art meiner bisherigen Blogeinträge dazu geführt hat, dass ich mich nicht wirklich mit meinen Texten identifizieren konnte. Sie erinnert mich zu sehr an die akademischen blutleeren Arbeiten die ich durch mein Studium regelmäßig anfertigen muss. Ich wähle hier das Wort „anfertigen“ weil es sich eben teilweise wirklich mehr anfühlt, als würden meine Hausarbeiten mehr aus leblos reiterierten Argumentationssträngen bestehen, die mechanisch zusammengebaut zwar den Anforderungen meiner Professoren entsprechen, aber eben emotionslos, kalt und unpersönlich bleiben. Es ist gerade der Unterschied zwischen den literarischen Texten über die ich schreibe und meinen analytischen Texten der mir zu schaffen macht. Letztendlich habe ich oft das Gefühl den Text nicht besser analysieren zu können als ihn einfach komplett zu zitieren.

Unter diesem Aspekt habe ich mir auch Gedanken über die Natur dieses Blogs gemacht. Eigentlich ist das die perfekte Gelegenheit und das ideale Format um mich aus den Fesseln des Fachsimpelns zu befreien und frei und assoziativ zu schreiben und endlich die Normen zu brechen, die mir manchmal das Leben so schwer machen.Warum habe ich das bisher nicht gemacht? Wahrscheinlich weil ich mich sehr sicher in meiner akademischen Blase fühle. Wahrscheinlich auch, weil ich dadurch anonymer und distanzierter nach außen wirken kann. So kann ich mich verstecken, unsichtbar machen, aber leider auf Kosten des eigentlichen Ziels dieses Projekts: meine eigene Stimme zu finden. Und so komme ich zum Thema dieses Eintrags über ein Buch einer Autorin, deren Stimme ich sehr bewundere.

Die letzten Wochen hat mich Ali Smith’s Public Library and other stories (2015) durch Berlin und an andere Orte begleitet. Gerade ihre ehrlich wirkende und unverfälschte Art des Schreibens, die die gesammelten Geschichten in Public Library durchzieht habe ich während dieser Zeit sehr zu schätzen und lieben gelernt. Letztendlich war genau das der Grund, der mich dazu bewogen hat meinem Blog eine persönlichere Note zu verleihen, auch wenn mich das einiges an Überwindung kostet und ich merke wie ich zurück in alte Mechanismen verfalle. Vor allem fällt es mir schwer auf Deutsch zu schreiben, da ich meine Analysen durch mein Amerikanistikstudium immer auf Englisch verfasse. Aber zurück zum Thema:

Public Library, Smiths Kurzgeschichtensammlung ist eine beeindruckende Reflexion über die Notwendigkeit öffentlicher Bibliotheken, die aber auch weit über das eigentliche Thema hinaus geht. Ihre Geschichten spinnen ein weites Netzwerk zwischen Vergangenheit und Gegenwart, verdichtet durch die Erzählungen und Lebensgeschichten anderer, darunter Autor*innen wie  Katherine Mansfield, Virginia Woolf, D.H. Lawrence oder Sänger*innen wie Dusty Springfield, um nur ein paar zu nennen. Deren Lebensgeschichten aber auch ihre Werke durchdringen Smiths Geschichten auf eine fast gespenstische Art und Weise und bleiben bei weitem nicht die einzigen Geister die in ihren Erzählungen ihr Unwesen treiben.  E-mails, Kreditkarten, Mobiltelefone, Computer und Fernseher verfolgen Smiths Charaktere und werden zur ständigen Erinnerung an den Einfluss, den Technologien auf unseren Alltag haben.

So erfährt der Ich-Erzähler und Protagonist Jame Gerard in „After Life“ zum zweiten Mal in seinem Leben durch einen falschen Zeitungsbericht, dass er tot sei.Wohingegen sich die Zeitung beim ersten Mal mit Blumen entschuldigte und er kurz Berühmtheit unter seinen Nachbarn erlangte, interessiert sich beim zweiten Mal (10 Jahre später) niemand mehr für den falschen Bericht. Seine beiden Kinder und seine Frau wirken wie Zombies im Bann von Fernseher, Computer und DvD-player. Nur im Internet auf einem Blog wird über seinen Tod diskutiert und die Internetexperten sind sich einig, dass Jame Gerard nicht mehr unter den Lebenden weilt:

„Jame Gerard dead meat accept it man only zombies fight the force submit ok??lol“[sic].

Doch Gerard gibt nicht auf und versucht den Irrtum aufzuklären, scheitert jedoch kläglich. Ein erzwungenes Gespräch mit seiner Familie endet mit dem Ausschalten des Fernsehers und einer Bemerkung seiner Frau:

„The difference, she says in the after-TV silence, is that technology has brought people so much closer together.“

Die Ironie der Geschichte liegt  offensichtlich in der Tatsache, dass im Falle von Gerards Realität, Technologie nicht funktioniert wie seine Frau beschreibt. Sie funktioniert tatsächlich als eine Art Kommunkationshemmer und daher trennt sie ihn und seine  Mitmenschen mehr, als dass sie Verbindungen schafft. Gerards Tod kann daher mehr als ein sozialer Tod gelesen werden.

Smiths Geschichte präsentiert eine sehr konservative Perspektive auf Technologie und den heutigen Lebensalltag. Das funktioniert vor allem mit Hinblick auf den Verfall von öffentlichen Bibliotheken den sie als implizites Thema wählt. Denn eigentlich ist Public Library eine Hommage an Bibliotheken als Ideal jeder Demokratie. Als Ort der Begegnung in dem Grenzen aufgebrochen werden und sich Menschen aus unterschiedlichen sozialen und ökonomischen Schichten, Lebensabschnitten, Kulturen und Religionen und mit verschiedensten politischen Einstellungen begegnen können, sind Bibliotheken zentral um einen Austausch oder Dialog zu schaffen. Smith konstruiert Bibliotheken als einen Gegensatz zum technologisierten Alltag in dem Menschen zunehmend aneinander vorbei leben, wie der Erzähler in „After Life“ erfahren muss. Das verschwinden von Orten wie öffentlichen Büchereien wird in Public Library zu einer Warnung vor der Aufweichung des sozialen Gefüges der Gesellschaft.

Smiths schafft es dennoch die Ernsthaftigkeit ihrer Kurzgeschichtensammlung mit ihrem tragisch-komischer Ton abzumildern und ich kann ehrlich sagen, dass ich während des Lesens gelacht habe aber auch manchmal zu Tränen gerührt war.

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