Gedichte Gegen Grenzen – Warsan Shires „Teaching My Mother How To Give Birth“

In letzter Zeit verbringe ich viele Stunden vor dem PC um an Projekten zu arbeiten oder auf der Suche nach Neuen. Wahrscheinlich kennen die meisten den Sog, den eine einzige Google Suche dabei auslösen kann. Ich gebe ein Wort ein und werde von einer interessanten Geschichte zur nächsten geleitet und schon finde ich mich in den Untiefen des Netzes wieder und starre gebannt auf ein You-Tube Video in dem mir das angeblich längste Wort der Welt vorgelesen wird. Leider ist das Ergebnis oft nicht so komisch, wenn man sich für kritische Theorien und Literaturanalysen interessiert.

Warsan Shire

Neulich bin ich bei Recherchen zum Umgang mit Geflüchteten in der EU über einige Umwege auf das Gedicht „conversations about home at the deportation center“ der kenyanisch-somalischen Dichterin Warsan Shire gestoßen. Der Text, aber auch ihre ruhige und besonnene Art des Vortragens haben mich nachhaltig beeindruckt. Das Gedicht verfolgt mich seither und ich habe inzwischen bestimmt schon mehr als eine Stunde verbracht und mir das Video immer und immer wieder angeschaut. Shires anklagender Blick, den sie immer wieder direkt in die Kamera und damit an ihr Publikum richtet, ihre bedächtigen Pausen, der Rhythmus ihrer Sprache der sie abgrenzt zu den üblichen Sing-Sang von PoetrySlams, ihr Kopfschütteln, die Resignation die sie mit einer leichten Neigung ihres Kopfs signalisiert – unbeschreiblich bewegend.

Mit ein wenig mehr Recherche habe ich erfahren, dass Shire bei weitem keine Unbekannte mehr ist. Von der Brunel Universtät wurde sie bereits mit dem „African Poetry Price“ ausgezeichnet und in der sogenannten „mouthmark series“ wurde ein Gedichtspamphlet unter dem Titel „Teaching My Mother How To Give Birth“ von flipped eye publishing herausgegeben, das ich mir natürlich direkt bestellen musste. Das kleine, wunderschön designte Booklet ist eine ausdrucksstarke Sammlung von Shires Gedichten, die für mich auf absolut jede Leseliste gehören.

Inspiration Audre Lorde

Beim Lesen erkennt man deutlich, dass Shire unter anderem von der afro-amerikanischen Dichterin und queer-feministischen Aktivistin Audre Lorde beeinflusst wurde, die sie auch am Anfang zitiert:

Mother, losen my tongue or adorn me with a lighter burden.
Audre Lorde

In ihrem Buch Sister Outsider: Essays and Speeches betont Lorde, eine der wohl bekanntesten Stimmen der afrikanischen Diaspora, die Bedeutung von Gedichten:

Poetry is the way we help give name to the nameless so it can be thought…As they become known to and accepted by us, our feelings and the honest exploration of them become sanctuaries and spawning grounds for the most radical and daring ideas.
– Audre Lorde, Sister Outsider: Essays and Speeches

Wie ihr Vorbild…

Und genau wie ihr Vorbild schreibt Shire in dieser Tradition und verbalisiert dabei ihre Erfahrungen als Migrant*in, die als einjährige mit ihren Eltern nach Großbritannien zog. In ihren Gedichten verarbeitet sie Themen wie das Erwachsenwerden als junge Person of Color und die alltäglichen Rassismen und anderen Formen von Diskriminierung denen sie in Großbritannien ständig ausgesetzt ist. Dabei betrachtet sie besonders den weiblichen Erfahrungshorizont und erinnert mich beispielsweise in ihrem Gedicht „Maymuun’s Mouth“ sehr an Gloria Anzaldúas „How To Tame A Wild Tongue“, in dem sie das erlernen einer neuen Sprache mit dem weiblichen Körper verbindet.

I imagined her hoisted waist, wearing stockings, learning how to kiss with a new tongue.

Shires prosaische Lyrik ist kraftvoll, bestimmt, anklagend. Eine Stimme, die besonders Weiblichkeit in Verbindung mit Marginalisierungserfahrung auf eine eindringliche Art und Weise thematisiert. Genau deshalb sind solche Gedichte so wichtig in Zeiten, in denen unsere Politik zunehmend erkaltet und das Wort „Willkommenskultur“ immer mehr als Schimpfwort gebraucht oder zum Synonym einer Debatte wird, die den euphemisierten Titel „Obergrenze“ trägt. Shire schreibt dazu treffend:

I hear them say go home, I hear them say fucking immigrants, fucking refuggees. Are they really this arrogant? Do they not know that stability is like a lover with a sweet mouth upon the body one second; the next you are a tremor lying on the floor covered in rubble and old currency waiting for its return. All I can say is, I was once like you, the apathy, the pity, the ungrateful placement and now my home is the mouth of a shark, now my home is the barrel of a gun. I’ll see you on the other side.

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