Persepolis und die Kunst des kritischen Hinterfragens

Vor einiger Zeit habe ich Emma Watsons feministische Lesegruppe „Our Shared Shelf“ entdeckt. Ich bin zwar nicht die ehrgeizigste Teilnehmerin bei solchen Projekten und lese lieber selbst ausgewählte Bücher, aber hin und wieder finden sich doch einige sehr interessante Lesevorschläge dabei. Gerade bei solchen Gruppen muss ich mir jedoch immer wieder bewusst machen die Textauswahl, genau wie die Texte selbst kritisch zu hinterfragen. Eine Empfehlung des Buchclubs war beispielsweise Nicholas Kristofs und Sheryl WuDunns Half the Sky. Ich hatte Half the Sky bereits vor einigen Jahren gelesen und war damals absolut hingerissen von den berührenden Geschichten, die sich hauptsächlich um das Schicksal von Mädchen und Frauen in Entwicklungsländern drehen. Die damalige Begeisterung ist mittlerweile verklungen und inzwischen sehe ich den Inhalt kritischer. Besonders weil die Geschichten auf die Figur des weißen Retters  bauen, ist Half the Sky trotz interessanter Ansätze um gerade Frauen zu fördern, in einigen Punkten durchaus als problematisch zu betrachten. Daher: auch die Buchempfehlungen einer UN-Sonderbotschafterin sollten kritisch hinterfragt werden. Generell habe ich mich jedoch sehr gefreut, dass die Auswahl der Autor*innen immer diverser wurde und inzwischen auch Stimmen wie die Maya Angelous oder Marjane Satrapis Gehör finden.

Persepolis

Besonders dankbar bin ich für die Empfehlung von Satrapis Graphic Novel Persepolis, von der ich bis dahin noch nie gehört hatte. Gerade in Zeiten zunehmender anti-muslimischer Sentiments ist Persepolis (zumindest für mich) relevanter denn je. Im Buch verarbeitet die im Iran geborene Autorin ihre Kindheit, die sie dort während der islamischen Revolution (1979) erlebte. Ich muss zugeben, dass ich mich vor dem Buch wenig bis überhaupt nicht mit der iranischen Geschichte auseinander gesetzt hatte. Persepolis war aber definitiv ein Anreiz mich mehr damit zu beschäftigen und mir auch Gedanken über die Beziehungen autoritärer politischer Systeme untereinander zu machen, ohne dabei in orientalistische Verallgemeinerungen zu verfallen. Satrapis Narrative ist eine Geschichte in der es um das Erwachsenwerden geht und in der besonders Bildungsinstitutionen wie Schulen und Universitäten und deren zunehmendes Verschwinden eine wichtige Rolle spielen. Dass sie dabei die Perspektive einer jungen Frau wählt, der zunehmend klar wird was es bedeutet eine Frau in einem Land zu sein, in dem sie auf verschiedenste Arten unterdrückt und unter anderem dazu gezwungen wird ein Kopftuch in der Öffentlichkeit zu tragen, ist besonders aufschlussreich. Eben weil sie aus einer liberalen Familie kommt, in der das vor der Revolution nicht praktiziert wurde, zeichnet und schreibt Satrapi so gegen die Stereotypen an, in denen der muslimische Glaube als rückschrittlich, anti-feministisch und unterdrückend verallgemeinert wird.

Fördert Persepolis trotzdem Stereotypen?

Während des Lesens habe ich mir dennoch die Frage gestellt, ob das Buch in Deutschland und Europa so erfolgreich war, eben weil es, zumindest teilweise, die hier oft vorhandenen Vorstellungen bedient und das Kopftuch zu einem Symbol der Unterdrückung erhebt. Diese Symbolik kann eben Vorurteile einer europäischen Leserschaft bestätigen, die in ihrem oftmals säkularen Weltbild, das Kopftuch oft (aber natürlich auch nicht immer) als Symbol der Unterdrückung sehen. Dass eine solche einseitige Interpretation des stark politisierten Themas Kopftuch problematisch werden kann, wurde besonders in den letzten Jahren häufig kritisiert. Fatima El-Tayeb betont unter anderem in ihrer Einleitung zu European Others: Queering Ethnicity in Postnational Europe, dass Hautfarbe und religiöse Zugehörigkeit immer mehr vermischt werden, und anti-muslimische Diskriminierung besonders deshalb auch als eine Form des Rassismus zu sehen ist.

In its European version, this ideology [colorblind racism] is characterized by the convergence of race and religion as well as the externalization of racialized populations.
– Fatima El-Tayeb

Ob die Tatsache, dass Persepolis diese Interpretation zumindest teilweise stärkt auch der Grund ist weshalb das Buch so erfolgreich war? Jein.

Ein Aufruf kritisch zu hinterfragen

Tatsächlich glaube ich, dass die Graphic Novel den Effekt haben kann solche problematischen Vorstellungen einer europäischen Leserschaft zu bestätigen. Das muss aber nicht zwangsläufig der Fall sein, denn Satrapi schreibt nicht nur über ihre Kindheit im Iran. Ein großer Teil ihres Memoires widmet sie auch ihrer Zeit im Exil in Österreich. Dort erlebt sie wie sich sich ähnliche Formen der Unterdrückung, wie zum Beispiel rassistische und sexistische Diskriminierung und religiöse Intoleranz, auf ihren Lebensalltag auswirken. In dem sie diese Erfahrungen verarbeitet, hält sie europäischen – und damit auch oftmals säkular oder christlich geprägten – Leser*innen den sprichwörtlichen Spiegel vor und fordert auf sich kritisch mit den eigenen Vorurteilen auseinander zu setzen. Die einseitige und oftmals vorurteilsbehaftete Geschichte der unterdrückten Muslima, die medial gerne unreflektiert reproduziert wird, werden so in Persepolis hinterfragt und die unsichtbaren sozialen Kräfte, die der eigentliche Grund von Diskriminierung und Unterdrückung in jeder Gesellschaft sind, werden hervorgehoben.

Damit ist Persepolis für mich ein bedeutender Beitrag zu einem Diskurs, der oftmals von weniger selbst-reflektieten oder selbst-kritischen Stimmen dominiert wird. Besonders schön ist, dass Satrapi ihr eigenes Ziel (zumindest aus meiner Perspektive) erreicht, das sie in ihrer Einleitung wie folgt beschreibt.

[…] this older and great civilization [Iran] has been discussed mostly in connection with fundamentalism, fanaticism, and terrorism. As an Iranian who has lived more than half her life in Iran, I know that this image is far from the truth. This is why writing Persepolis was so important to me. I believe that an entire nation should not be judged by the wrongdoings of a few extremists.
– Marjane Satrapi

Mein persönliches Fazit: Ich bin sehr froh Persepolis gelesen zu haben und das Buch gehört inzwischen zu meinen Top 5 Geburtstagsgeschenkideen für Familie und Freunde.

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