Han Kangs „Die Vegetarierin“ 

Vor einigen Wochen habe ich mir Han Kangs Roman Die Vegetarierin gekauft, nachdem mein Social Media Feed wochenlang völlig mit Hymnen auf die süd-koreanische Schriftstellerin übergelaufen ist. Für diesen Roman hat Han Kang 2016 den Man Booker International Preis erhalten, was für mich ein weiterer Anreiz war das ca. 200 Seiten leichte Buch zu lesen, das von Deborah Smith ins Englische übersetzt wurde.

Ich muss gestehen, dass ich mehrere Anläufe brauchte um in den Roman einzusteigen. Das lag aber nicht an der Qualität des Buchs, sondern mehr der Tatsache, dass ich nicht wirklich die Muse hatte mir die Zeit dafür zu nehmen. Manchmal braucht man einfach eine ungestörte Stunde, ohne Ablenkung durch soziale Medien, Emails und der Gleichen um sich einem neuen Buch ganz und gar zu widmen. Die Gelegenheit dafür hat sich für mich durch einen spontanen Flug nach Mallorca ergeben. Mit dem Fliegen verbindet mich offen gestanden eine Hassliebe, weil ich ein bisschen unter Flugangst leide aber gleichzeitig die Stunden genieße, die ich uneingeschränkt neuen Büchern widmen kann. Auf dem zweieinhalbstündigen Flug nach Mallorca habe ich im Bann Der Vegetarierin tatsächlich meine Angst komplett vergessen.

Die Vegetarierin

Der aus drei Teilen bestehende Roman erzählt die Geschichte Yeong-hyes, die sich aufgrund eines Traums dafür entscheidet ab sofort vegetarisch zu leben. Dabei widmet sich keiner der drei Teile der Perspektive der Protagonistin Yeong-hye. Stattdessen werden die Blickwinkel ihres Ehemanns (Teil I), die ihres Schwagers (Teil II) und die ihrer Schwester (Teil III) auf ihr Verhalten und deren Auswirkungen auf deren Leben ausgiebig dargestellt. Die Erzählstruktur unterstützt daher schon, was der Roman von Beginn anlegt: Yeong-hye wird als ein Mysterium konstruiert, das weder ihre Familie noch Leser*innen der Erzählung verstehen können. Nur vereinzelt durchdringen Bewusstseinsströme – alle in kursiv geschrieben – die berichtartigen Überlegungen ihrer Angehörigen und lassen erahnen was in Yeong-hye vorgeht. Doch letztendlich werfen auch diese Momente mehr Fragen auf, als dass sie Antworten liefern. Warum weigert sich Yeong-hye Fleisch zu essen, obwohl sie immer mehr an Substanz verliert und damit auch die eigene Familie vor den Kopf stößt?

Gewaltloser Widerstand

Die Antwort (zumindest für mich) ist ein Thema, das ich durchaus interessant finde: körperliche Selbstbestimmung als Frau. Obwohl das Gerüst der Erzählung es Leser*innen fast unmöglich macht die Perspektive Yeong-hyes einzunehmen, lässt sich dennoch aus ihrer Art und Weise Kontrolle über ihren eigenen Körper zu ergreifen ableiten was ihr Leben bestimmt. Oder anders formuliert: in dem sie Vegetarierin wird übt sie gewaltlosen Widerstand gegen die Kräfte aus, die sie unterdrücken. Dieser Widerstand zeigt sich besonders in einer Passage, in der Leser*innen Yeong-hyes Stimme ungefiltert hören und in der sie ihre Weiblichkeit mit dem Wunsch nach Gewaltlosigkeit verbindet:

Can only trust my breasts now. I like my breasts, nothing can be killed by them. Hand, foot, tongue, gaze, all weapons from which nothing is safe. But not my breasts. With my round breasts, I’m okay. Still okay.
– Han Kang

Die Verbindung zwischen Körper, ihren Brüsten, wahrscheinlich dem Inbegriff von Weiblichkeit, und ihrem Wunsch nach Gewaltlosigkeit ist für mich der Schlüssel für den Roman. Denn in Momenten in denen Yeong-hye von ihrer Familie beispielsweise zum Essen gezwungen wird, wehrt sie sich vor den Augen ihrer versammelten Familie in dem sie ihre eigenen Pulsadern aufschneidet. Statt Gewalt gegen die Menschen um sich zu richten, verletzt sie sich selbst.

Die Verbindung der Schwestern

Diese Art der Schmerzen und Gewalt auf sich zu nehmen teilt sie mit ihrer Schwester In-hye. In Teil III, der aus der Perspektive In-hyes erzählt wird, erfahren Leser*innen, dass auch sie, ähnlich wie und doch anders als Yeong-hye leidet:

The feeling that she had never really lived in this world caught her by surprise. It was a fact. She had never lived. Even as a child, as far back as she could remember, she had done nothing but endure. She had believed in her own inherent goodness, her humanity, and lived accordingly, never causing anyone harm. Her devotion to doing things the right way had been unflagging, all her success had depended on it, and she would have gone on like that indefinitely
– Han Kang

Das Ertragen der Welt und der sozialen Kräfte ist jedoch nicht das einzige was die beiden Schwestern verbindet. Beide werden sexuell von ihren Ehemännern missbraucht. Beide sind isoliert. Beide werden von ihrer Familie verstoßen, nachdem sie soziale Normen brechen. Und dennoch versteht In-hye erst am Ende des Romans ihre Schwester, die zu diesem Zeitpunkt in Behandlung in einer psychiatrischen Anstalt ist und zwangsernährt werden soll, nachdem sie wochenlang nichts mehr zu sich genommen hat. Plötzlich versteht In-hye, warum Yeong-hye ihren Körper so behandelt. Sie reflektiert:

It’s your body, you can treat it however you please. The only area where you’re free to do just as you like. And even that doesn’t turn out how you wanted.
– Han Kang

Den eigenen Körper so behandeln zu können wie man möchte, im weitesten Sinne sich selbst zu bestimmen und damit selbst zu entscheiden was sie ihrem Körper zu führt oder auch was nicht, das ist der Inbegriff von Handlungsmacht. Der Roman erzählt daher die Geschichte eines Widerstands gegen soziale Normen, gegen Gewalt in dem Die Vegetarierin das Ideal der Selbstbestimmtheit auf eine grausame Art bis ins Extrem treibt.

 Fazit

Diejenigen, die den Roman auch schon gelesen haben werden sich wundern warum ich nicht mehr auf die beiden männlichen Stimmen eingegangen bin, die eigentlich den Großteil des Romans erzählen. Das war eine strategische Wahl. Ich habe nämlich Anfangs lange beim Lesen mit mir gehadert, da Teil I und II von einer so extrem misogynen Sichtweise geprägt waren, dass ich mich manchmal übergeben wollte. Auch die Vergewaltigungsszenen, die aus der Sicht des Manns erzählt werden sind nichts für schwache Nerven und ich musste an den wundervollen Beitrag von Elif (lost-in-written-words) denken, in der sie u.a. auch schreibt, dass man so etwas durchaus kritisieren sollte. So kann ich auch verstehen warum manch feministische Leser*innen Die Vegetarierin als „torture porn“ abtun könnten. Allerdings ist der Roman das meiner Meinung nach nicht. Die Vegetarierin ist viel mehr eine kulturunabhängige Kritik an häuslicher oder auch familiärer Gewalt und zeigt auf erschreckende Weise wie sehr die Opfer (im übrigen auch in Deutschland) darunter zu leiden haben, ohne ihnen tatsächlich ihre Handlungsfähigkeit abzusprechen. Ich werde das Buch definitiv weiter empfehlen und mit Sicherheit noch das ein oder andere Mal lesen.

 

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