Gilmore Girls, Leselisten und weiße Nostalgie

Wie viele der Gilmore Girls Fans war ich im siebten Himmel, als ich hörte, dass Netflix die Serie in einer neuen Staffel wieder zum Leben erwecken wollte. Gilmore Girls hatte mich durch meine Teenagerjahre und damit natürlich auch durch mehr oder weniger turbulente Zeiten begleitet. Dass in der Serie zwei unabhängige, selbstbewusste, schlagfertige Frauen die Hauptrolle spielten, die eben nicht nur Männer im Kopf hatten (zumindest in den ersten Staffeln) war damals und ist immer noch besonders wichtig für mich. Lorelai und Rory warfen selbstbewusst mit Popkultur- und Literaturreferenzen so beiläufig um sich, dass sie dabei nicht nur eine eigene Sprache entwickelten, aber noch viel wichtiger, dass diese Sprache exklusiv den weiblichen Charakteren der Serie gehörte.

Natürlich identifizierte ich mich mit Rory, die (wie ich) ihre Zeit Büchern widmete und in der Serie oft mit einem Buch vor der Nase zu sehen war. Aber auch familiäre Konflikte, ihr großer Traum Journalistin zu werden, ihre Schulzeit und ihre Bestrebungen Journalismus zu studieren, um später einmal die neue Christian Amanpour zu werden, trugen dazu bei, dass ich mich selbst in Rory wieder erkannte. In den letzten Wochen habe ich mir deshalb, wie bestimmt viele Fans, alte Staffeln auf Netflix angeschaut, um mich auf die neuen Folgen einzustimmen. Dabei ist mir eines klar geworden, was mir als Teenagerin noch nicht bewusst war. Es waren nicht nur die oben genannten Ähnlichkeiten aufgrund derer ich mich mit Rory identifizierte.

Weiße Utopie Stars Hollow

Gerade weil Rory, wie ich selbst, weiß ist und dazu noch in einer Art weißem Utopia (Stars Hollow) lebt, ist es mir so leicht gefallen mich in ihr wieder zu erkennen. Tatsächlich leben im Stars Hollow der sieben Staffeln wenig bis keine Personen of Color und wenn, werden sie klischeartig dargestellt. Charaktere wie Michel, Lane oder Mrs. Kim kontrastierten so, durch ihre stereotypische Eindimensionalität, komplexer und weiße Charaktere wie Lorelai, Rory, Luke oder auch Richard und Emily Gilmore.

Mir ist allerdings auch aufgefallen, dass diese weiße Utopie in einem straken Kontrast zu dem durchaus diversen Kanon an popkulturellen und literarischen Referenzen steht, mit denen die beiden Hauptdarstellerinnen um sich werfen. Vor allem die literarische Referenzen sind nämlich alles andere als weiß. Elitär vielleicht, aber nicht weiß. Um ehrlich zu sein wurde ich gerade weil Lorelai und Rory so gerne von Büchern wie BelovedThe God of Small Things oder The Namesake zitierten, auf Autor*innen wie Toni Morrison, Arundhati Roy oder Jhumpa Lahiri aufmerksam, auf die ich vermutlich nicht so einfach gestoßen wäre. Zugegebenermaßen sind das auch eher kanonische Texte, die gerade in elitären Einrichtungen wie Yale, der Ivy League Universität an der Rory im Verlauf der Serie studiert, gelesen werden. Trotzdem wurden solche Texte gerade durch eine Serie wie Gilmore Girls einem breiten Publikum schmackhafter gemacht, was an und für sich eine große Leistung ist. Trotzdem konnten die Macher*innen der Serie, die inhaltliche Diversität der Referenzen im Universum der Gilmore Girls nicht wirklich umsetzen. Ich hatte deshalb insgeheim die Hoffnung, dass das in der Neuauflage nicht wiederholt werden würde.

A Year In the Life (Spoiler Alert)

Leider wurde ich enttäuscht, allerdings anders als erwartet. Tatsächlich scheinen sich die Macher*innen bewusst darüber geworden zu sein, wie weiß Stars Hollow wirklich ist. Ihre Art dieses Problem zu lösen war jedoch meiner Ansicht nach sehr problematisch. Anstatt neue Charaktere wie Lorelais und Emilys Psychologin oder die Musicaldarsteller*innen (ja, es gibt ein Stars Hollow Musical) zumindest teilweise mit einer nicht-weißen Darstellerin zu besetzen, fiel die Wahl erneut auf weiße Darsteller*innen. Damit wurde auch die Gelegenheit verpasst eine Reflexionsebene hinzuzufügen und zum Beispiel die Probleme von Lorelai und Rory aus einer anderen, nicht ganz so privilegierten Perspektive zu betrachten. Auch wurde die Eindimensionalität von schon vorhandenen PoCs in der Serie im Revival nicht adressiert. Dabei hat mich am meisten das Musical gestört, das sich in teilen sogar dem amerikanischen Civil War widmet ohne dabei ein einziges Mal die damalige Sklaverei zu thematisieren und ihn damit historisch einzuordnen. Nicht einmal die sonst so reflektiert-schlagfertige Kritikerin Lorelai kommentiert das und stört sich tatsächlich nur an der Representation der weiblichen Charaktere in diesem Musical.

Ein Versuch seitens der Macher*innen Stars Hollow weniger weiß erscheinen zu lassen, lässt sich besonders in unbeholfenen Versuchen ablesen strategisch schwarze Darsteller*innen im Hintergrund gewisser Szenen zu platzieren. Diese, zu Requisiten reduzierten Personen, dürfen jedoch selten sprechen (maximal 1-2 belanglose Sätze), oder gar zum Handlungsverlauf beitragen. Die Folge des Ganzen ist, dass die Kamera in einigen Momenten peinlich lange auf ihnen verweilt und dabei den Anschein erweckt, dass das Team hinter Gilmore Girls den Zuschauer*innen verzweifelt sagen möchte: „natürlich ist Stars Hollow nicht nur weiß“. Fremdschämfaktor hoch eine Millionen.

Das waren jedoch nicht die einzigen Momente in dene ich mir die Hände vor die Augen halten musste. Auch das Thema Homosexualität, das soweit ich mich erinnere nie eine Rolle in den früheren Folgen spielte, greift das Revival auf. In einem Treffen der Stadt bemängelt Taylor, dass sich für die „Gay Pride Parade“ nicht genügend Menschen für den Marsch angemeldet hätten. Man könnte meinen, dass die Macher*innen hier auf einer Metaebene reflektieren, dass die LGBTIQ community bisher nicht in der Serie vorkam. Falsch gedacht. Es folgt ein Höhepunkt an Geschmacklosigkeiten: statt sich mit den scheinbar wenigen LGBTIQ Menschen zu solidarisieren und gemeinsam an der Demo teilzunehmen, entscheiden sich die Bewohner*innen Stars Hollows dafür Taylor indirekt über seine sexuelle Identität zu löchern. Voyeurismus trifft auf Klische. Großes Kino.

Fazit

Wie wahrscheinlich deutlich wurde, hat mir das Revival nicht gefallen. Das lag unter anderem an den oben genannten Gründen, geht aber durchaus darüber hinaus und knüpft sich an unzählige Szeneninhalte, übertriebene Farben und belanglose Dialoge. Vielleicht lag es auch am Kitsch, den zu forciert provozierten Emotionen oder einfach auch daran, dass ich mittlerweile anders über die Serie denke.

Trotz aller Kritik glaube ich aber immer noch, dass die Serie ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung war. Die Geschichte einer alleinerziehenden Mutter und ihrer bücherverschlingenden Tochter, hat eine bis dahin (zumindest für mich) kaum erzählte Realität aufgegriffen und schön verpackt. Die alten Folgen schaue ich oft gerne an, weil sie mich an meine Schulzeit erinnern und sozusagen „comfort food“ für regnerische Tage sind. Trotzdem denke ich, dass wir auch eine Diskussion über die problematischeren Aspekte der Serie führen und nicht nur in nostalgischen Erinnerungen schwelgen sollten.


Beitragsbild: Eli Francis

Comment

There is no comment on this post. Be the first one.

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: