Na gut, ich muss es ja zugeben. Wer mir auf Instagram oder Twitter folgt, hat bestimmt schon erkannt, dass ich ein riesiger Fan Zadie Smiths bin. Zwar haben es bisher nur Zitate der in London geborenen und aufgewachsenen Autorin auf meinen Blog geschafft, aber Portable Magic Pages gibt es ja auch noch nicht allzu lange. Trotzdem ist es langsam an der Zeit diese Tatsache zu ändern. Ihr neuer Roman Swing Time, den ich bereits vor einigen Monaten vorbestellt hatte, bietet dafür die perfekte Gelegenheit.

Ein paar Gedanken zur Publikation

Der über 400 Seiten schwere Roman ist endlich im November erschienen und nach einigen Umwegen hat das Buch auch den Weg zu mir gefunden. Inzwischen wurde Swing Time bereits mehrfach als eines der besten zehn Bücher 2016 bezeichnet (100 Notable Books of 2016 des New York Times Book Reviews, Top 10 Novels of 2016 des TIME Magazins oder Ten Best Books der Washington Post) und wird daher vermutlich den Weg in viele Bücherregale finden.

Besonders aufgefallen ist mir, dass die Veröffentlichung von Swing Time mit einer groß angelegten Werbekampagne einher ging. Ständig und Monate vor der Veröffentlichung, erschienen in meinen Social Media Kanälen Werbeartikel, scheinbar strategisch platzierte Interviews mit Smith die u.a. von Berühmtheiten wie Lena Dunham oder Jeffrey Eugenides geführt wurden. Auch veröffentlichte die Autorin selbst thematisch passende, persönliche Essays wie zum Beispiel das im Guardian erschienene „What Beyoncé Taught Me„. Offensichtlich haben auch Verlage wie Penguin Random House inzwischen die Vorteile der sozialen Medien erkannt, was vielleicht auch ein bisschen eine naive und späte Einsicht meinerseits ist, viele Leser*innen sind sich dessen wahrscheinlich schon bewusst, aber ich wollte es trotzdem erwähnen.

Eben weil mir diese strategische Art des Werbens schon sehr früh aufgefallen ist, habe ich mir selbst viele Gedanken gemacht, ob ich das Buch automatisch gut finden würde, da mich das vor der Veröffentlichung gestreute Lob manipulieren könnte. Schließlich habe auch ich, trotz meiner Abneigung dieser Art des Marketings, das Buch über ein halbes Jahr früher bestellt und – ja, ich gebe es zu – fast geweint, als ich feststellen musste, dass ich das Packet nicht annehmen konnte, da ich zum Zeitpunkt der Zustellung nicht in Berlin war und damit erst eine Woche später in Swing Time schmökern konnte. Klar ist mir, dass sich diese Frage nicht so leicht beantworten lässt. Eine generelle Vorsicht, kann jedoch hilfreich sein und ich wollte diese Problematik nicht vorenthalten, da sie durchaus meine Sichtweise auf den Roman beeinflussen kann.

Zu Swing Time

Smiths fünfter Roman verbindet das Thema Tanz, mit der Geschichte einer komplizierten Freundschaft zweier Mädchen, die gemeinsam im Norden Londons aufwachsen. Tracey, ist talentiert, die namenlose ich-Erzählerin dagegen nicht. Trotz dieses Umstands haben die Mädchen einiges gemeinsam und die Erzählerin beschreibt früh was die beiden Mädchen verbindet:

[btx_quote author=“– Zadie Smith, Swing Time (9)“ style=“border“]There were many other girls present but for obvious reasons we noticed each other, the similarities and the differences, as girls will. Our shade of brown was exactly the same – as if one piece of tan material had been cut to make us both – and our freckles gathered in the same areas, we were of the same hight.[/btx_quote]

Doch das Schicksal der beiden Mädchen ist nicht nur durch ihre hier beschriebene mixed-race Identität, sondern auch durch ihr Geschlecht und die Tatsache, dass beide aus der Arbeiterklasse kommen, verbunden. Diese Verbindung ermöglicht Smith eine tief gehende Studie von Freundschaft und Rivalität zwischen Mädchen und Frauen, in der Themen wie Ehrgeiz, Schönheit, Liebe, Hautfarbe und kulturelle Identität, Weiblichkeit, Individualität und Kollektivität und verschiedene Rollen als Töchter, Mütter und Freundinnen verhandelt werden.

Doch das ist bei weitem nicht alles was Swing Time berührt. Smith widmet sich auch größeren Problematiken wie dem westlich-liberalen Kulturimperialismus, die Effekte sozialer Medien, der Selbstinszenierung von Berühmtheiten als Retter*innen von Entwicklungsländern (im Roman Gambia) und der Festung Europa und ihrer menschlichen Versäumnisse im Angesicht einer immer steigenden Anzahl an geflüchteten Menschen. Im Kontext dieser weltpolitischen Thematik erscheinen die Probleme ihrer Protagonistinnen klein, und doch fühlen Leser*innen mit, werden hineingezogen in die prägenden Geschichten von Jugendlichkeit und Erwachsenwerden zweier Freundinnen, die sich gleichen und doch völlig verschieden sind.

Smith gelingt es mit ihrem Roman ein komplexes Bild unserer heutigen Welt zu zeichnen, das gleichzeitig detailliert und abstrakt zugleich ist. Kurze Momente in denen die Erzählerin die Enttäuschung über ihre ersten Ballettschuhe beschreibt

[btx_quote author=“– Zadie Smith, Swing Time“ style=“border“]The pink of the leather turned out to be a lighter shade than I’d hoped, it looked like the underside of a kitten, and the sole was the dirty grey of a cat’s tongue, and there were no pink satin ribbons to criss-cross over the ankles, no, only a sad little elastic strap, which my father had sewn on himself. I was extremely bitter about it.[/btx_quote]

werden dabei im Verlauf des Romans mit historischen Verbrechen, wie dem transatlantischen Sklavenhandel, kontrastiert. So gelingt es ihr die Paradoxien der Geschichte einer kapitalistischen Welt zu skizzieren, in der sich ein Individuum als Diasporatourist*in leicht auf der privilegierten Seite der Welt finden kann, ohne dabei gleichzeitig auf dieser Seite Diskriminierung und Benachteiligung entgehen zu können.

Fazit

Swing Time wurde meiner Meinung nach zu Recht so häufig zu einem der besten Bücher im Jahr 2016 gekürt. Als Zadie Smith Fan unterliege ich bestimmt einem gewissen Voreingenommenheit. Trotzdem bleibe ich dabei und würde noch gerne hinzufügen, dass es letztendlich auch ihre poetisch-prägnante Art des Schreibens ist, weshalb ich Smiths Romane jedem literaturinteressierten Menschen als Lektüre ans Herz legen möchte. Swing Time zeichnet sich zum Beispiel durch eindrucksvolle Passagen aus, in der Tanz einen sprachlichen Ausdruck findet und in der eine, für mich, neue Art erfunden wird, über Zeit zu sprechen und zu schreiben. Wer sich für die sprachlichen Aspekte von Smiths Texten interessiert, dem würde ich N-W empfehlen (irgendwann schreibe ich auch hier einmal einen Review), inhaltlich ist Swing Time, besonders für global-politisch interessierte Leser*innen das geeignetere Buch.