Carolin Emckes Wie Wir Begehren – Ein Paar Gedanken

Über die Weihnachtszeit hatte ich endlich seit langem einmal wieder Zeit, ein Buch innerhalb von zwei Tagen zu lesen. Obwohl ich eigentlich lieber Gegen den Hass durchgearbeitet hätte, was aber momentan noch völlig außerhalb meines Buchbudgets liegt, habe ich mich für Carolin Emckes Wie Wir Begehren entschieden. Spätestens seitdem ich die Rede zu ihrer Auszeichnung mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels gehört und die darauf folgende, weniger überzeugende Kritik (vorwiegend männlicher Stimmen) verfolgt habe, aus der sich eine regelrechte Debatte mit auch wohlgesinnten Stimmen entwickelte, war ich sehr gespannt auf ihre Art des Schreibens.

Wie Wir Begehren

Wie auch in ihrer Rede thematisiert Emcke in ihrem Text auf sehr persönliche Art und Weise die eigene Homosexualität. Dabei greift sie gesellschaftspolitische Fragen auf und verbindet diese mit Reflexionen über Erinnerungen an ihre Kindheit, in einer poetisch-klaren Sprache. Wie Wir Begehren webt auch hier und da Erfahrungen in ihre Erzählung ein, die Emcke als Journalistin und Auslandskorrespondentin für den Spiegel in diversen Regionen der Welt machte. Das finde ich besonders spannend, wenn ich mir auch teilweise eine etwas selbst-kritischere Auseinandersetzung in Hinblick auf ihre eigene Position beim Thema Palestina gewünscht hätte.

Wie Wir Begehren ist für mich ein wichtiger Text, der mich besonders als weibliche Leserin angesprochen hat, da Emcke Erfahrungen einwebt mit denen ich mich teilweise selbst identifizieren kann. Beispielsweise wenn sie davon spricht, dass sie wegen ihrer Sportbegeisterung als „anders“ wahrgenommen wurde. Ich habe jahrelang Leistungssport betrieben und habe leider häufig dabei die Erfahrung gemacht, dass ich deshalb als „unweiblich“ gelesen wurde.

Darüberhinaus war das Buch informativ, weil Emcke einige historische Vorgänge aufarbeitet, die mir vorher nicht bewusst waren. Zum Beispiel, dass in der BRD sogenannte „rosa Listen“ geführt wurden, auf denen der Staat homosexuelle Menschen verzeichnete. Mit den Ausmaßen von Diskriminierung hatte ich mich bis dahin hauptsächlich in einem US-amerikanischen Kontext auseinander gesetzt und obwohl es mich nicht überrascht hat, waren mir diese Tatsachen doch neu. Die Gesetze und Mechanismen einmal in einem Kontext vorgestellt zu bekommen, den ich selbst navigieren muss, war sehr produktiv für mich und schon allein deshalb kann ich das Buch empfehlen.

Kritik

Trotz dieses Lobs muss ich auch sagen, dass ich mir manchmal gewünscht hätte, dass  politisierte Themen wie das Kopftuch etwas vielseitiger besprochen worden wären. Beispielsweise wäre ein expliziter Verweis auf die Meinungsvielfalt zu diesem Thema hilfreich gewesen und hätte mich den Verdacht des „otherings“ leichter abschütteln lassen. Gerade so werden Metaphern problematisch die Emcke benutzt um die Einstellung der „Toleranz“ gegenüber homosexuellen Menschen zu kritisieren:

„Die Neugierde, das Entdecken des anderen, das Erkunden des Gemeinsamen, aber auch der Unterschiede verschwindet unter dem schweren Mantel der gütigen Toleranz, die alles im Ungefähren lassen will, die lieber das Unbekannte tolerieren, als das Bekannte erschreckend anziehend oder abstoßend, begreiflich oder unbegreiflich, überraschend oder langweilig finden möchte – so können homosexuelle als monolithischer Block bestehen bleiben, so wird die Gruppe sich niemals auffächern, wie die Frauen hinter dem Schleier, in individuelle Geschichten und Erfahrungen.“ (Betonung durch mich, Emcke 55)

Der Schleier funktioniert hier als Metapher für Vereinheitlichung und Entindividualisierung, was für mich einige Probleme birgt. Der Trugschluss, dass nur „entschleierte“ Frauen ihre Geschichte erzählen können, scheint mir mehr an die Tatsache geknüpft, dass heutzutage im öffentlichen, (prseudofeministischen) Diskurs automatisch eine Unterdrückung verschleierter Frauen angenommen wird. Problematisch ist das, weil dieses Vorurteil genau diesen Frauen jede Mündigkeit vorab abspricht und nicht einmal mehr fragt, ob sie sich selbst dafür entschieden haben. Sie werden deshalb von vorne herein in eine Position gedrückt, von der aus sie nicht gehört werden können. Nicht einmal von progressiven Menschen wie Emcke. So wird das  Tragen eines Hijabs von vorne herein pathologisiert, was letztendlich zur Entmündigung von Frauen beiträgt und deshalb konträr zu jedem feministischen Impuls der Gleichstellung läuft. Dass auch ein Hijab durchaus der Ausdruck von Persönlichkeit sein kann (wofür die 100 Jahre lange Tradition der Kopftuch Mode spricht), wird in solchen Metaphern völlig außer Acht gelassen.

Fazit

Trotz dieser Kritik kann ich Wie Wir Begehren empfehlen. Der Text liest sich leicht und ist eine gute Abwechslung für alle, die ab und zu weniger fiktionale, sondern essayistische Texte lesen möchten. Ich freue mich schon drauf weitere Texte Emckes zu lesen und irgendwann auch Gegen Den Hass in den Händen halten zu dürfen, werde mich aber noch etwas gedulden bis die Taschenbuchausgabe erscheint oder ich Zeit habe in die Bibliothek zu gehen.

Mein Fazit daher nochmal: lesenswert, aber durchaus stellenweise kritisch zu betrachten.

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