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The Buddha in the Attic – Gedanken und Bezüge zur Ära Trump

Momentan sieht mein Morgen ja immer wie folgt aus: Wecker klingelt, ich drehe mich erst nochmal um, kneife die Augen zusammen und drücke mir mein Kissen aufs Gesicht – wertvolle Sekunden genießen – bevor mich die Realität wieder einholt. Ich stelle fest: Der Albtraum den ich letzte Nacht hatte war überhaupt kein Traum und Donald Trump ist tatsächlich der vereidigte Präsident der USA. Selbst als Studentin der Amerikanistik kann ich noch immer nicht ganz begreifen, dass das tatsächlich passieren konnte. Und ich müsste es eigentlich besser wissen, habe ich mich doch mit der Geschichte dieses Landes einigermaßen gründlich auseinander gesetzt.

Besonders als ich die letzten drei Tage immer mehr zu Trumps sogenanntem „MuslimBan“ gelesen habe, wollte ich mich eigentlich nur wieder im Bett verkriechen und nie wieder aufstehen. Denn was er hier per Dekret erlässt und von vielen als eine Art Neuheit der amerikanischen Einwanderungspolitik dargestellt wird, hat in Wahrheit eine lange Geschichte in den USA.

Die kurzer Einblick in die Geschichte der Einwanderung in die USA

Diese Geschichte der Gesetzgebungen zur Einwanderungspolitik beginnt nach der Unabhängigkeitserklärung 1776. Mit dem 1790 erlassenen Naturalization Act  wird u.a. festgelegt, dass nicht-weiße Menschen keine Staatsbürgerschaft erlangen durften, geht mit vielen Zwischenschritten über den Page Act of 1875 nach dem Menschen asiatischer Herkunft von der Einwanderung ausgeschlossen wurden und endet (leider) bei weitem nicht hier. 1982 wird der Chinese Exclusion Act erlassen, der 10 Jahre lang Arbeiter*innen aus China verbietet in die USA einzuwandern.

Ich könnte diese Liste jetzt einfach weiterführen mit dem Immigration Act von 1881 oder dem Anarchist Exclusion Act von 1903 und vielen weiteren Erlässen, aber wer sich für eine genauere Darstellung interessiert, sollte sich folgende Artikel vom Pew Research Center oder von der Washington Post durchlesen und danach weiter forschen.

Dass die Geschichte der Einwanderung von rassistischen Vorstellungen durchzogen ist, kann damit nicht mehr bestritten werden. Es gab sogar Zeiten in denen es Hierarchien zwischen ost-, süd- und nord-, westeuropäischen Einwander*innen gab. Der National Origins Act von 1924 bevorzugte Menschen aus Nord- und Westeuropa bei ihrer Einwanderung, wohingegen diese für Menschen aus Süd- und Osteuropa von Quoten erschwert wurde. Es wurde also im Prinzip zwischen verschiedenen Formen des Weiß-seins unterschieden. So viel zu „a nation of immigrants“. Wohl eher „a nation of super white settler colonial immigrants“.

Es stellt sich die Frage, warum mich der „MuslimBan“, oder wie man auch immer Trumps Executive Order bezeichnen möchte, so mitnimmt. Die Antwort sind natürlich die möglichen Folgen. Wie ich darauf komme möchte ich anhand eines meiner Lieblingsbücher mit dem Titel The Buddha in the Attic erläutern. Dieser 2011 erschienene und 130 Seiten leichte Roman von Julie Otsuka greift die in den USA tradierte Diskriminierung gegen Menschen asiatischer Herkunft auf und zeigt die generationsübergreifenden Effekte dieser Erfahrung.

The Buddha in the Attic

Otsukas Text, der 2012 mit dem „Pen/Faulkner Award for Fiction“ ausgezeichnet wurde, erzählt die Geschichte einer Gruppe von Mädchen und Frauen, die als sogenannte Picture Brides aus Japan in die USA einwandern. Die Erzählung begleitet dabei diese Frauen auf ihrer Reise, nicht nur in das Land der angeblich unbegrenzten Möglichkeiten, sondern auch durch die folgenden Jahrzehnte nach ihrer Ankunft.

Dass die Leben der Frauen alles andere als einfach sind erfahren Leser*innen in vielen Momenten, die der Roman thematisch in sieben übergeordnete Kapitel gliedert. Diese Kapitel widmen sich ihrer Einreise, ihrer mehr oder weniger freiwilligen Hochzeitsnacht, ihren weißen Nachbarn, ihrer Arbeit, der Geburt ihrer Kinder, ihrem Verhältnis zu den Kindern, die im Spannungsfeld verschiedener Kulturen aufwachsen und zuletzt den politischen Verhältnissen in den USA nach dem Angriff auf Pearl Harbor durch die japanische Armee. Generell werden Erfahrungen wie sexueller Missbrauch, häusliche Gewalt, rassistische und sexistische Diskriminierung, Heimweh, der Verlust/die Aufgabe von Kultur und Sprache und die Folgen sozio-ökonomische Benachteiligung im Text verarbeitet.

The Buddha in the Attic fasst diese Geschichten und Erfahrungen als eine kollektive, also als eine „wir-Erzählung“, zusammen. Es ist gerade die Form des kollektiven Erzählens durch die der Roman seine Ausdrucksstärke und Eindringlichkeit entwickelt, die mich nachhaltig, auch aufgrund der poetischen Sprache, die den Text prägt, bewegt hat. Eine besonders eindückliche Passage findet sich im Kapitel „Last Day“ in dem es um die Deportation und anschließende Internierung tausender japanisch-amerikanischer Menschen geht.

Als kleine historische Information, bevor ich mich diesem Abschnitt zuwende: Nach dem Angriff auf Pearl Harbor 1941 wurden 1942 unter Präsident Franklin D. Roosevelt zwischen 110 000 – 120 000 Menschen japanischer Abstammung in sogenannte Internierungslager gebracht. 60 Prozent dieser Insass*innen waren amerikanische Staatsbürger*innen, die unter der erlassenen Executive Order 9066 ihrer Rechte beraubt wurden.

Manchmal ist es leicht zu vergessen, dass hinter diesen Zahlen echte Menschen und Schicksale stecken und Otsuka wirkt dem entgegen wenn sie schreibt:

„Some of us left weeping. And some of us left singing. One of us left with her hand held over her mouth and hysterically laughing. A few of us left drunk. Others left quietly, with our hands bowed, embarrassed and ashamed. There was an old man from Gilroy who left in a stretcher. There was another old man – Natsuko’s husband, a retired barber in Florin – who left on crutches with an American Legion cap pulled down low over his head. „Nobody win war. Everybody lose,“ he said. Most of us left speaking only English, so as not to anger the crowds that had gathered to watch us leave.“

Es sind genau solche Momente, die mich während des Lesens bewegt haben, weil sie die Prozesse der Entmenschlichung, die hinter der Sprache von Executive Orders, Gesetzen oder reinen Zahlen stecken, verdeutlichen. Sie machen Trauma persönlich, ohne es zu romantisieren.

Das letzte Kapitel des Romans mit dem Titel „A Disappearance“ wird letztlich nicht mehr von der kollektiven Stimme der Frauen erzählt, sondern aus der kollektiven Perspektive ihrer weißen Nachbarn, die nichts getan haben um den betroffenen Familien zu helfen. Der Roman widmet sich hier der Dynamik des Vergessens und der Repression von Komplizenschaft. Hier ist auch die Relevanz von The Buddha in the Attic für die heutige Zeit zu erkennen.

Zusammenhang mit Trumps „MuslimBan“

Genau wie der Angriff auf Pearl Harbor von Politikern wie Roosevelt instrumentalisiert wurde um die tief verwurzelte rassistische Ideologie per Dekret zu legalisieren und hunderttausende Menschen zu entrechten, so benutzt die Regierung Trump das steigende anti-islamische Sentiment, um die eigenen Ziele zu verwirklichen. Der „MuslimBan“ wird nur eine der vielen Arten sein, die weiße Vorherrschaft in den USA auszubauen und zu legalisieren.

Der „MuslimBan“ Trumps stellt deshalb erneut eine Politik der Entmenschlichung dar (die auch in Deutschland durch die AfD vertreten wird), gegen die wir uns nicht mit einer historischen Amnesie wehren können, sondern nur mit einer aktiven Auseinandersetzung mit vergangenen Versäumnissen, einem Eingeständnis von Fehlern und einer daraus resultierenden transformierenden Erkenntnis, die unser Handeln leitet.

Das heißt für mich persönlich, der Komplizenschaft einer entmenschlichenden Politik zu entgehen, indem ich mich solidarisiere und auf die Straße gehe, um gegen jegliche Art von Diskriminierung zu demonstrieren und mich mehr für soziale Gerechtigkeit zu engagieren. Vielleicht komme ich dann morgens wieder leichter aus dem Bett.

2 Comments
  1. Mia

    Februar 1, 2017 9:02 am

    Interessanter Beitrag, vielen Dank 🙂

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