Yaa Gyasis Homegoing: die fortlaufende Geschichte der Kolonialzeit

Wie diejenigen, die mir auf Instagram folgen bereits wissen, habe ich versucht im neuen Jahr meinen Konsum sozialer Medien etwas einzuschränken. Auf die Idee kam ich nachdem ich einen wundervollen Artikel dazu gelesen hatte, der zusammengefasst beschreibt wie man sein Lesepensum durch kleine Ticks extrem vervielfachen kann. Da ich eigentlich kein Fan von sinnlosem Bingelesen bin, bei dem es nur darum geht eine möglichst hohe Zahl von Büchern in einem Jahr zu erreichen, habe ich mir für 2017 nur vorgenommen, weniger Zeit auf Netflix, Instagram und diversen anderen Medien zu verbringen. Es kommt ja schließlich nicht darauf an wieviel ich lese, sondern was ich lese. Qualität statt Quantität, oder so ähnlich. Tatsächlich habe ich allein durch diesen Entschluss schon viel mehr Zeit mit Büchern verbracht und bin mittlerweile bei meinem neunten Buch angekommen, was für manch ein*e Leser*in vielleicht nicht allzu viel ist, aber bei mir tatsächlich eine Art Rekord des „Freizeitlesens“ darstellt. Yayyyy.

Homegoing

Ich muss dazu sagen, dass ich bisher noch nicht wirklich dazu gekommen bin, Rezension meiner Leseerfahrungen festzuhalten. Meine Ausrede dafür ist eine Hausarbeit mit der ich sehr beschäftigt bin. Aber heute hat es mich doch ein bisschen in den Fingern gejuckt, vor allem weil mein Herz immer ein bisschen blutet wenn ich an meinen leblosen Blog denke. Also, here we go: meine erste Rezension im März (die hoffentlich nicht die letzte bleibt) möchte ich dem Roman Homegoing widmen, den ich mir noch im vergangenen Jahr bestellt hatte.

Der von Kritikern hochgelobte Debütroman der ghanaisch-amerikanischen Schriftstellerin Yaa Gyasi erschien bereits 2016 auf Englisch. Er ist, soweit ich weiß, noch in keiner deutschen Fassung erhältlich, was sehr schade ist, denn für mich gehört er zu den lesenswertesten Büchern meiner vergangenen Lesejahre. Das liegt nicht nur an Gyasi’s meisterhaften Art des Erzählens, sondern auch an ihrer Fähigkeit Charaktere zum Leben zu erwecken, die ich in kürzester Zeit mit all ihren Fehlern ins Herz geschlossen habe.

Eine kurze Synopsis

Kurz zusammen gefasst beginnt der Roman seine Erzählung mit den beiden Schwestern Effia und Esi, die Mitte des 18. Jahrhunderts in der damaligen britischen Kolonie Westafrikas, der „Goldküste“, leben. Das Schicksal der beiden könnte unterschiedlicher nicht verlaufen: Während Effia an einen britischen Sklavenhändler verheiratet wird, wird Esi als Sklavin verkauft und nach Amerika verschleppt. Die ersten Kapitel erzählen dabei die komplexe und konfliktbehafteten Familiengeschichte der beiden Schwestern, die sich in der Erzählung tatsächlich nie persönlich begegnen. Jedes folgende Kapitel des Romans widmet sich dann den Generationen nach ihnen.

So trägt der Roman seine Leser*innen von der Goldküste Westafrikas, auf die Baumwollplantagen Mississippis, von christlichen Missionsschulen über amerikanische Kohlemienen, bis ins Harlem der dreißiger Jahre und das LA der heutigen Zeit. Effias und Esis Nachkommen müssen dabei lernen eine Welt zu navigieren, die auf Rassismus und die Ausbeutung schwarzer Menschen historisch programmiert wurde, und müssen sich auf ihren jeweiligen Kontinenten damit auseinander setzen.

Der Roman nimmt sich dabei dem gewaltvollen und unwiderruflichen Spaltung von Familien über Generationen hinweg an. In der amerikanischen Kolonie manifestiert sich das durch Gesetze wie den Fugitive Slave Act, der selbst nach der offiziellen Emanzipationsproklamation, also dem gesetzlichen Ende der Sklaverei, durch sogenannte „Black Codes“ einfach ersetzt wurde. Homegoing gibt dabei den historischen Fakten eine menschliche Geschichte und stellt dar wie selbst nach dem vermeintlichen Ende der Black Codes, die Unterdrückung einfach durch Jim Crow Gesetze in Form der“Seperate-But-Equal-Doktrin“ fortgeführt wurde.

Diese Fortsetzung von Diskriminierung wird auch bei weitem nicht durch die Civil Rights Bewegung der sechziger Jahre beendet und setzt sich in Nixons „war on drugs“ fort. Die unsanktionierte Brutalität der Polizei gegenüber schwarzen Menschen, gegen die sich heute die #BlackLivesMatter Bewegung einsetzt, ist eine weitere vieler Konsequenzen und Überbleibsel der systematischen Unterdrückung der schwarzen Bevölkerung, die bis in die Kolonialzeit zurück führt. Homegoing verarbeitet diese Tatsachen gekonnt und geht auch auf kulturpolitische Mechanismen ein, die sich auf der persönlichen Ebene der Charaktere abspielen.

Fazit

Gerade die historische Dimension von Homegoing hat mich schwer beeindruckt, da sie zeigt, dass Geschichte eben nicht sauber in Perioden eingeteilt werden kann und dass beispielsweise Systeme wie der Kolonialismus die Weichen für unsere heutige Gesellschaft auf verschiedenste Weisen gestellt haben. Das bedeutet zum Beispiel, dass sich materielle Verhältnisse, die durch die systematische Ausbeutung eines Kontinents nicht nur auf einer weltökonomischen Ebene übersetzen, sondern auch Individuen in ihrem täglichen Leben auf verstörende Art und Weise beeinflussen. Der einen Privileg, bedeutet für andere auf das nötigste über Generationen hinweg beraubt zu werden.

Der Roman stellt daher für mich eine bedeutende und wichtige Frage: wenn die Vergangenheit wirklich aufgearbeitet werden soll, heißt das nicht auch einen materiellen/finanziellen Ausgleich zu schaffen, der zumindest Ansatzweise stoppt, dass sich die Vergangenheit in die Gegenwart auf so ungerechte Art übersetzt? Heißt Wiedergutmachung oder Entschädigung nicht auch, das Ganze nicht nur auf theoretischer Ebene und in Museen zu tun?

Es gibt so viel mehr zu sagen und ich habe das Gefühl nicht mal ansatzweise entpackt zu haben, was Homegoing in seinen Leser*innen anstoßen kann. Wahrscheinlich müsste ich dafür den Roman abtippen. Daher mein Schluss: absolutes Lesemuss für die Zukunft.

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