Wahrscheinlich bin ich an Patti Smiths Just Kids schon 123 283 127 mal in der Buchhandlung vorbei gegangen und habe mir das Buch auch genauso oft verträumt angeschaut. Obwohl mich die Geschichte der eingefleischten New Yorkerin reizte, habe ich Just Kids immer wieder zurück gelegt, weil es mir ehrlich gesagt immer ein wenig zu teuer war. Als Studentin überlege ich schließlich ganz genau, ob ich die 12 Euro jetzt für Kaffee, Essen oder Bücher ausgebe. Neulich hat es mich dann einfach überkommen und ich habe das Geld investiert. Ich habe es nicht bereut.

New York, Woody Allen und Guilty Pleasures

Als eine kleine Vorgeschichte: seitdem ich noch sehr klein war hatte New York City für mich immer eine ganz besondere Bedeutung. Ich war die Definition des Klischees eines Mädchens, das davon träumte einmal in einer so wundervollen Stadt zu leben. Natürlich habe ich mir alle relevanten Serien dazu angeschaut, aber besonders hatten es mir Woody Allen Filme in meiner Teenagerzeit angetan. Ich war besessen von der Stadt, die in Woody Allens Filmen immer den kosmopolitischen Glanz all meiner Träume zu verkörpern schien. Buchläden, Kaffees, Bars, Künstler*innen und Schriftsteller*innen an jeder Ecke, kurz gesagt, New York City erschien mir wie ein Versprechen tiefgründiger Gespräche, über jede meiner noch so kleinen existentialistischen Ängste.

Ein Praktikum und eine Reise haben diese Vorstellungen relativ schnell entzaubert und das Bild dieser Stadt, die tatsächlich niemals schläft, durch realistischere Bilder ersetzt. Auch wurde mir in späteren Jahren klar, wie problematisch Woody Allens Filme teilweise sind. Trotzdem finde ich mich an grauen Tagen manchmal auf der Couch wieder, während Annie Hall auf meinem PC läuft, ein heimliches Vergnügen (oder guilty pleasure, wie man will), das so ziemlich mit der Idee von Comfort Food gleichzusetzen ist. Allens Filme sind so vertraut, dass es weniger um den Inhalt geht, als um das Gefühl, das sie in mir hervorrufen.

Und genau das war auch der Grund weshalb ich mich endlich dazu durchgerungen habe Patti Smiths Just Kids zu kaufen. Das Versprechen das New York meiner Kindheitsträume auf Papier erzählt von einer weiblichen Stimme wieder zu finden war zu verlockend.

 Just Kids

In dieser autobiographischen Erzählung rekapituliert die Dichterin/Punk-Ikone Patti Smith ihr Leben im New York der sechziger und siebziger Jahre auf knapp 300 Seiten. Das Buch ist gespickt mit Anekdoten, Bildern, Gedichten und besteht hauptsächlich aus Smiths Erinnerungen an ihr Leben in New York.

Um 1970 beschließt die damals zwanzigjährige Smith New Jersey’s südlichem Suburbia zu entfliehen und ein Leben in New York zu führen. Gleich zu beginn lernt sie dabei Robert Mapplethorpe kennen, der heute als einer der visionärsten Fotografen seiner Zeit gilt. Zwischen den beiden entwickelt sich eine Liebe, die nach einer kurzen Beziehungszeit in eine intensive Freundschaft übergeht und fast als Seelenverwandtschaft beschrieben werden kann.

Die beiden jungen Künstler erleben das ikonische New York der sechziger und siebziger Jahre in Kreisen umgeben von Künstlern wie Andy Warhol, Allen Ginsberg, Jimi Hendrix, Bob Dylan und Janis Joplin. Die damaligen Eindrücke verarbeitet Smiths in ihrer Kunst und teilt in Just Kids teilweise lustige, teilweise erschreckende Anekdoten mit ihren Leser*innen.

Besonders faszinierend waren für mich die Momente, in denen Smith über ihre Arbeit schreibt. Es ist mir oftmals unbegreiflich woher Künstler*innen ihr Selbstbewusstsein nehmen, ihre Kunst einem Publikum zu präsentieren. Wie kann man nur so selbstbewusst sein, sich der Bewertung anderer Menschen auszusetzen? Gleichzeitig drängt sich mir immer wieder die Frage auf, wie sich Künstler*innen wie Smith ihren Ruf erarbeiten, bzw. ob das überhaupt möglich ist oder nur eine Fügung glückliche Umständen darstellt. Natürlich gibt es darauf keine einzelne oder klare Antwort aber die vielen Momente, die zum Erfolg führen, von einer weiblichen Stimme erzählt zu hören, war und ist für mich etwas besonderes.

So zeigt Smith in ihren Memoiren, dass vor allem Selbstvertrauen und ihre Art sich gegen gesellschaftliche Normen aufzulehnen maßgeblich zu ihrem Erfolg beitrugen. Sie ließ sich nicht von anderen verunsichern und versuchte stets ihren eigenen Weg zu gehen. Als ihre Mutter ihr beispielsweise sagt, sie müsse erwachsen werden und sich wie eine Frau benehmen (was im konkreten Fall hieß sich ein T-Shirt anzuziehen), erinnert sich Smith an ihr damals elfjähriges Ich und ihre Reaktion:

[btx_quote author=“– Patti Smith, Just Kids“ style=“block“ font=“custom_a“]I protested vehemently and announced that I was never going to become anything but myself, that I was of the clan of Peter Pan and we did not grow up. [/btx_quote]

Solche Momente zeigen, wie wichtig ihr Wille war sich selbst zu definieren und zu entdecken. Sie hatte allerdings auch enormes Glück und schreibt zum Beispiel über ihre anfänglichen Kunstversuche:

[btx_quote author=“– Patti Smith, Just Kids“ style=“block“ font=“custom_a“]I drew, I danced, and I wrote poems. I was not gifted but was imaginative and my teachers encouraged me. [/btx_quote]

Genau diese ermutigende Umgebung, die ihr nach der Schulzeit fehlt sucht und findet Smith in New York. Umgeben von Künstler*innen entdeckt sie ihre Leidenschaft für die Poesie, die sie später zur ikonischen Dichterin und Punk Legende machen, die sie heute ist. Allerdings erst nach vielen Jahren harter Arbeit und noch mehr Momenten des Zweifels.

Kritik

Bei allem Lob, gab es doch etwas das mich am Buch gestört hat und das die Herausgeber*innen, meiner Meinung nach, hätte streichen können. So beschreibt sich Smith mehrfach als „gypsy“ [sic], einem politisch hochbeladenen Begriff, der stark rassistisch behaftet ist (falls daran Zweifel bestehen hier ein Video das ab Minute 2:38 erklärt warum das so ist). Ich frage mich, ob es nicht einfach gereicht hätte sich als Hippie zu beschreiben? Es ist in meinen Augen auf jeden Fall problematisch sich als weiße Frau einen kulturellen Stereotypen anzueignen, der natürlich nur für Smith eine positive Konnotation trägt. Sie ist „alternativ, edgy, esoterisch“, während Sinti und Roma weltweit unter den negativen Aspekten, die dieser Begriff mit sich trägt zu leiden haben. Da ich das Buch auf Englisch gelesen habe frage ich mich auch wie das auf Deutsch gelöst wurde und hoffe, dass die Übersetzer*innen hierfür eine bessere Lösung gefunden haben.

Fazit

Abgesehen von dieser Problematik, habe ich Just Kids sehr gerne gelesen. Smith besitzt eine fantastisch lyrische Art des Schreibens und ich habe große Lust noch mehr von ihr zu lesen. Zusätzlich liest sich das Buch schnell und ich würde es als „leichte Kost“ beschreiben. Für Musik und New York Fans ist das Buch eine großartige Möglichkeit, eine weibliche Perspektive über die sechziger und siebziger Jahre im Big Apple zu lesen und dabei Menschen wie Janis Joplin, Jimi Hendrix, Robert Mapplethorpe, Edie Sedgwick oder Andy Warhol noch aus einem anderen Licht betrachtet zu erleben. Besonders für Mapplethorpe und analog Fotografiefans ist das Buch eine kleine Schatzgrube, da Smith viel über den Werdegang und die Inspiration Mapplethorpes schreibt.

Wenn man sich nicht für diese Szene und Zeit interessiert, kann Just Kids auch wie endloses name-dropping erscheinen. Als jemand die sich für die damalige politische Zeit interessiert, war ich außerdem etwas enttäuscht, dass Smith so wenig auf die Civil Rights Bewegung, Black Power, den Vietnamkrieg oder die LGBTIQ- Bewegung eingeht. Es gibt zwar kurze Momente, in denen sie zum Beispiel über den Mord an Robert F. Kennedy’s schreibt oder auf den Vietnamkrieg eingeht, allerdings wäre es schön gewesen ihre Perspektive auf die verschiedenen Counter Cultures dieser Zeit zu lesen. In ihren Memoiren scheinen diese politischen Zeiten jedoch weniger wichtig zu sein als ihre Beziehung zu Robert Mapplethorpe.

Fazit: lesenswert.