Gedanken zur modernen Lyrik

Milk and Honey, Nejma, salt. and bone – Gedanken zur modernen Lyrik

Zu Beginn des neuen Jahres habe ich mich ein bisschen in der Poesie verloren. Ein Gedanke, bei dem es mein 14-jähriges ich wohl geschaudert hätte. In meiner Schulzeit mochte ich Lyrik nämlich nicht. Woran das lag? Ich kann es nicht genau sagen. Zu wenig Geduld? Oder hatten Schiller und Goethe doch zu wenig über die Lebenswelt einer pubertierenden Schülerin zu sagen? Wahrscheinlich stimmt beides irgendwie.

Erst an der Uni bin ich dann den Texten von Dichter*innen wie Rose Ausländer, Audre Lorde, Langston Hughes oder Sylvia Plath begegnet. Und obwohl sich auch die Lebensrealitäten dieser Lyriker*innen nicht komplett in meine übertragen ließen, haben sie mich dennoch berührt. In einer Zeit in der mir Songtexte genauso wichtig wurden, wie die Rhythmen und die Melodien der Songs zu denen sie gehörten, hätte ich vermutlich auch mehr mit Schiller und Goethe anfangen können. Aber zu dieser Zeit hatte ich mich schon Dichter*innen zugewandt, die meine Gefühle treffender beschrieben als alles was ich von den beiden Göttern der deutschen Literatur bis dato gelesen hatte.

Seither greife ich gerne zum ein oder anderen Gedichtsband, nicht nur um Inspiration zu finden und in neue Lebens- und Wortwelten einzutauchen, sondern auch einfach um Worte zu entdecken, nach denen ich selbst oft suche. Und genau das habe ich bei den vier Gedichtssammlungen erlebt, über die ich heute schreiben möchte.

Milk and Honey

rupi kaurs unfassbar berührenden Gedichte in Milk and Honey hätte ich vor einigen Jahren schon sehr dringend gebraucht. Ich habe viel geweint, mich manchmal ertappt gefühlt und auch gelacht. Kein Wunder, dass das kleine ca 200 Seiten leichte Buch gerade so gehyped wird. In vier bewegenden Teilen zeichnen kaurs Gedichte Lebensprozesse einer jungen Frau nach, die von häußlicher Gewalt, über Liebeskummer, der Außeinandersetzung mit dem eigenen Körper bis hin zur Heilung seelischer, emotionaler und physischer Wunden reichen. Eigentlich bin ich ja davon überzeugt, dass es einen Moment des Erwachsenwerdens nicht gibt. Zumindest nicht zeitlich oder geographisch festhaltbar. Trotzdem scheint mir dieser Gedichtsband, wenn man über coming-of-age sprechen möchte, bisher die zutreffendste Beschreibung einer solchen Entwicklung zu sein. Zumindest habe ich mich selbst als junge Frau darin häufig wieder gefunden.

Klar ist mir aber auch, dass ich nicht die intendierte Leserin dieser Gedichte bin. Teilweise vielleicht, aber nicht komplett, denn kaurs Poesie greift auch oft die Lebensrealitäten von Frauen of Color auf wenn sie zum Beispiel schreibt:

our backs

tell stories

no books have

the spine

to carry

women of color

– rupi kaur, Milk and Honey

Trotzdem oder gerade deshalb war Milk and Honey eine ganz besondere Leseerfahrung und ich kann das Buch nur empfehlen.

Nejma und salt.

Diese beiden Gedichtsbände von der wundervollen Nayyirah Waheed haben mich, genau wie kaurs Gedichte, tief bewegt und mir viele weitere Gründe gegeben, mich alleine in Cafés zu setzen und einfach nur nachzudenken. Beide Sammlungen beschreiben die Erfahrungen und Lebenswelten, die gerade Frauen of Color in der Diaspora erleben und die resultierenden Realitäten die sie navigieren müssen. Obwohl ich ganz klar nicht die intendierte Leserin bin, hat mich Waheeds Strategie Frauen durch Worte zu stärken sehr bewegt. Beide Gedichtssammlungen haben mir auch deshalb wieder einmal die Macht von Literatur gezeigt, die es schaffen kann Verständnis zu schaffen, und das obwohl unserer sozialen Gegebenheiten, die immer wieder Unverständnis und Gleichgültigkeit kreieren und so die Weichen zur Reproduktion dieser Verhältnisse stellen.

bone

Yrsa Daley-Wards bone, ähnlich wie Milk and Honey, Nejma und salt., und doch einzigartig, war die erste Sammlung dieser Art der Poesie, die ich bereits vor über einem Jahr gelesen habe. Daley-Ward meistert die oft versteckte Komplexität der englischen Sprache mit einer unglaublichen Leichtigkeit und reflektiert Themen wie Liebe, Weiblichkeit, Gemeinschaft unter Frauen, den weiblichen Körper, Erfahrungen der Objektifizierung, aber auch Strategien des Empowerments. Gerade für junge Frauen und Frauen of Color sind diese Gedichte eine echte Schatzgrube und manchmal frage ich mich, warum bone, salt. und Nejma nie von großen Verlagen verlegt wurden, sondern von den Daley-Ward und Waheed selbst publiziert worden sind.

Fazit

Wer sich für die moderne Lyrik der englischen Sprache interessiert, sollte sich unbedingt überlegen jede einzelne diese Gedichtssammlungen zu lesen. Oftmals finden Leser*innen neben wundervoller Lyrik auch Aphorismen, die der Trivialität dieser Gattung entkommen und Raum für bisher ungehörte Stimmen schaffen. Daher: ein absolutes Lesemuss.

Comment

There is no comment on this post. Be the first one.

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: