Mir ist aufgefallen, dass ich bisher eigentlich immer recht positive Rezensionen geschrieben habe und ich frage mich manchmal woran das liegt. Vielleicht, weil ich mich mit Büchern, die ich nicht mochte, nicht gerne noch einmal schriftlich auseinander setze? Oder vielleicht weil ich inzwischen eine Nische von Autor*innen gefunden habe, die ich sehr gerne lese und bei dieser Art von Roman in der Regel keine Gefahr besteht, dass mir etwas nicht gefällt?

Aber Gründe ein Buch nicht zu mögen gibt es viele. Sie fangen bei der Sprache an, führen über den Inhalt, bis hin zu politischen Einstellungen die manchmal weniger subtil im Text transportiert werden. Generell lese ich einfach gerne und lasse mich in der Regel nicht abschrecken, selbst wenn mir Bücher stellenweise nicht gefallen oder bereits von Kritikern zerrissen wurden. Es gibt allerdings auch schon einige Bücher, die ich in die Ecke geworfen habe um sie nie wieder aufzuheben.

Bei Nathan Hills The Nix, der im Deutschen unter dem Titel Geister erschienen ist, hätte ich das vermutlich tun sollen, anstatt mich durch den über 600 Seiten schweren Wälzer zu quälen. Aber man ist ja bekanntlich hinterher immer schlauer. Ursprünglich hatte mich der Debütroman Hills interessiert, weil er durchweg positive Rezensionen bekommen hatte und der Autor bereits von Kritikern als der neue David Foster Wallace in den Himmel gelobt wurde. Da ich großer Foster Wallace Fan bin, konnte ich nicht anders und habe mir The Nix impulsiv für (viel zu viel) Geld gekauft.

The Nix – eine kurze Zusammenfassung

The Nix erzählt die Geschichte von Samuel Andresen-Anderson, gescheiterter Schriftsteller und resignierter Professor, der bei Nacht zu einem obsessiven Computerspieler mutiert. Samuel wird im Roman mit der Tatsache konfrontiert, dass seine Mutter, Faye, eines scheinbar politisch motivierten Anschlags auf den Gouverneur Illinois bezichtigt wird. Samuel, der seine Mutter, seitdem sie ihn und seinen Vater im Teenageralter verlassen hat, nicht mehr gesehen hat, bekommt daraufhin die lukrative Gelegenheit seine Schulden bei einem Verlag zu begleichen, dem er noch ein Buch schuldet. Er soll die Geschichte aus der Perspektive des „verlassenen Sohns“ in einer Biographie Fayes verarbeiten und dem Verlag dabei ein Buch liefern, das die Sensationslust der Öffentlichkeit befriedigt.

Auf seinem Weg die Vergangenheit seiner Mutter aufzuklären lernt Samuel dabei nicht nur sich selbst besser kennen, sondern findet auch seine Mutter auf unerwartete Weise wieder. Der Roman spinnt ein komplexes, stellenweise absurdes Netz an Geschichten, die nicht nur Vergangenheit und Gegenwart miteinander verweben, sondern auch historische Fakten mit Fiktion verschmelzen lassen. Die Erzählung nimmt Leser*innen dabei mit auf eine Reise die vom mittleren Westen der USA der 1960’er, über die Unruhen Chicagos 1969 bis hin zum Occupy Wallstreet Movement in New York 2011 führt.

Kritik

*Achtung, ab hier enthält der Text kleine Spoiler*

Eigentlich hört sich das alles nicht so schlecht an, oder? Am Anfang war ich auch sehr begeistert vom Roman und besonders von Hills Art des Schreibens. Die Geschichte schien spannend und der satirische Charakter der Erzählung lies mich zu Beginn über viele kleinere misogyne Elemente hinweg sehen, da es so aus sah, als ob das mehr der Perspektive des Protagonisten geschuldet war, der ohnehin nicht sonderlich sympathisch wirkte.

Daher habe ich anfangs über Charaktere wie Laura Pottsdam hinweg gelesen, eine Studentin, die versucht ein Essay zu plagiieren und als Samuel sie erwischt und durchfallen lässt, einen erbitterten Streit mit ihm anfängt. Ich musste durchaus selbst lachen, als der Roman ein Gespräch zwischen Samuel und ihr mit kleinen Unterüberschriften auf die logischen Trugschlüsse ihrer Argumentation verweist. Allerdings ist mir im Lauf des Buchs das Lachen vergangen.

Pottsdam wird im Roman zum Epitom des Problems der „political correctness“ erhoben. Ihre diagnostizierte Lernschwäche nutzt sie aus, um sich einen Vorteil zu verschaffen und die Prüfung nicht noch einmal schreiben zu müssen. Damit spielt der Roman in die Ängste aller Gegner politischer Korrektheit, denn der als dumm dargestellten Pottsdam gelingt es am Ende sich durchzusetzen. Der Roman stellt damit die Frage, ob in einer meritokratisch geordneten Welt Barrieren abgebaut werden müssen, um Menschen wie ihr den Zugang zu Bildungseinrichtungen wie Universitäten zu gewähren und reflektiert dabei keine Sekunde lang die Tatsache, dass es Menschen gibt, die nicht so privilegiert sind wie der männliche, heterosexuelle, aus der Mittelschicht stammende Protagonist. Dieser reduziert Pottsdam nicht nur ständig auf ihr äußeres und nimmt sie auf eine rein sexualisierte Art und Weise wahr, sondern macht sich darüberhinaus noch über Dinge wie ihre Art des Sprechens lustig:

Laura occasionally puts that upward phonic at the ends of her sentences so that declarations even sound like questions. Samuel finds this, like most accents, difficult to mimic. […] Her shorts are so small that when she moves around in the leather chair the skin of her lower buttocks squeaks against it or pulls off with a moist little sucking sound. 

Als es Pottsdam am Ende gelingt die Machtverhältnisse permanent umzukehren, und sie es schafft, dass Samuel gefeuert wird, bestärkt der Roman sozusagen die Ängste aller Gegner der politischen Korrektheit: wie kann eine Person, die offensichtlich lügt es schaffen, den armen Professor, der doch nichts anderes als seinen Job macht, aus seiner Position zu verdrängen?

Zugegeben: In Literatur sollte man solche Ideen testen und vielleicht auch zum Nachdenken anregen. Daher habe ich das Buch auch nicht in die Ecke geworfen. Ich habe Hill the benefit of the doubt gegönnt und abgewartet, wie die anderen Charaktere und besonders die weiblichen sich entwickeln. Leider zu unrecht, denn The Nix entkommt seiner gewollt politisch unkorrekten Untertönen leider nicht.

Some Lessons in Misogyny

*Hier werden Szenen von sexualisierter Gewalt gegen Frauen kritisiert. Der Text beinhalten daher auch kurze Beschreibungen und Zitate aus dem Buch. Um Retraumatisierung zu vermeiden, rate ich vom Lesen ab, falls ihr Opfer solcher Übergriffe geworden seid*

Auch die anderen weiblichen Charaktere bleiben nämlich Stereotypen. Da wäre zuerst Samuels Mutter Faye, die im Prinzip Engel und Teufel zu gleich ist. Als Kind ein Engel, geplagt von Panikattacken, verursacht durch ihren patriarchalen Vater, versucht sie hauptsächlich den Männern in ihrem Leben alles Recht zu machen und verliert sich deshalb selbst. Am Ende psychisch gebrochen, entscheidet sie sich ihren Sohn und Ehemann zu verlassen, um ein Leben mit ihrem Geliebten zu führen.

Weiterhin gibt es das manic pixie dream girl, Bethany, Samuels Jugendliebe, die zum Symbol seiner Rückschläge wird. Der Roman gesteht ihr weder Komplexität noch eine innere Pespektive zu und reduziert sie permanent auf ihr Äußeres. Ich musste des öfteren an den Film Once Upon A Time In America denken und an die Darstellung von Deborah Gelly (Elizabeth McGovern), die letztendlich als Charakter nur die Funktion hat, den verlorenen amerikanischen Traum Noodles (Robert De Niro) zu verkörpern. Genauso verkörpert bzw. symbolisiert Bethany nur die Rückschläge Samuels und zeigt keine eigene Subjektivität.

Ein weiteres Problem findet sich in der Darstellung von Alice, einer Studienfreundin Fayes. Die Vorstellung die der Roman mit ihrem Charakter über die weibliche Homosexualität propagiert, ist hoch problematisch. Alice fängt eine Affäre mit einem sadistischen Stalker/Polizisten an, mit dem sie ihre sexuellen Phantasien auslebt, die daraus bestehen, mit diesem in der Öffentlichkeit Sex zu haben. Besonders erregend findet sie dabei von ihm dominiert, gefesselt und geschlagen zu werden und vergewaltigungsartige Rollenspiele zu spielen. Der problematische Unterton: homosexuelle Frauen wollen eigentlich nur von einem Mann dominiert werden. Der Roman pathologisiert dabei nicht nur die weibliche Homosexualität als „nicht ausgelebte Phantasien“ sondern beschönigt auch Gewalt gegen Frauen auf perphide Art, in dem er nicht einvernehmlichen Sex (aka Vergewaltigung) erotisiert. Alice „verlässt“ den Polizisten zwar am Ende, ein flüchtiger Hinweis darauf, dass sich der Roman der Problematik bewusst ist. Dennoch ist in Anbetracht der Tatsache wie viel Erzählzeit der „Beziehung“ zwischen Alice und ihrem Stalker gewidmet wird, dieser Teil der Geschichte als problematisch zu bezeichnen u.a. auch, weil Alice nach gewaltsamen Übergriffen seitens ihres ehemaligen „Stalker-Lovers“ dazu genötigt wird Chicago zu verlassen.

Damit ist die Frauenfeindlichkeit aber bei weitem noch nicht vorbei. Gipfel der Misogynie ist dann die Beschreibung der Proteste in Chicago, die aus der Perspektive von Männern, die als „uncles“ beschrieben werden, erzählt wird. Diese sitzen Zuhause vor dem Fernseher und beobachten das Spektakel der protestierenden Student*innen und die anschließende Polizeigewalt. Dabei werden nicht nur Ideen von Gewalt gegen Frauen reproduziert, sondern auch ungefiltert Zuschreibungen gemacht, die vorgeben, dass die Frauen das wollten:

Those girls had it coming. […] And the uncles feel really present and edgy and almost like they’re with the cops or something, and they think that this moment – even though the uncles are hundreds of miles away from it and all they’re really doing is sitting on a couch watching an electronic box while their food goes cold – might be the best thing that ever happened to them. 

Torture porn, ist die einzige treffende Beschreibung die mir dazu einfällt.

Fazit

Ich weiß sehr gut, dass manche jetzt sagen werden, dass der Roman eben Realitäten darstellt und ich glaube auch, dass er als eine Kritik von Polizeigewalt, sexualisierte Gewalt gegen Frauen und patriarchalen Gesellschaftsstrukturen gelesen werden kann. Allerdings nur, wenn man vorab in Kritiken solcher Dinge geschult wurde. Für mich persönlich hat er diese Gewalt mehr reproduziert als kritisiert, da kein klares Framing dieser Problematiken stattfindet und letztendlich mehr auf die Schuld der Opfer verwiesen wird bzw. sogar angedeutet wird, dass die Opfer diese Formen von Gewalt provozieren und darüberhinaus sexuell erregend finden. Außerdem bekommen die Täter oftmals mehr Hintergrund, der ihre Taten verständlich bzw. „nachvollziehbarer“ macht. Formen fragiler Maskulinitäten wurden dabei fast unkritisch dargestellt und die Machtverhältnisse zwischen Tätern und Opfern fälschlicherweise verkehrt.

Dennoch gab es auch Elemente die mich am Roman interessiert haben, z.B. Szenen in denen rein über Gaming geschrieben wurde und diese auch kritisch betrachtet wurden. Auch die Geistergeschichten, die dem Roman seinen Namen geben, waren interessant und zeigen das Potenzial, das im Buch steckt. Leider konnte ich mich in dieser Rezension der interessanten und starken Kritik, die The Nix am amerikanischen Populismus äußert nicht widmen, eben weil die Darstellung der weiblichen Charaktere so einseitig und sexistisch ist. Die Kritik dessen daher wichtiger für mich.

Letztendlich finde ich es sehr schade, dass Hill seine sprachlichen Fähigkeiten nicht mehr dazu verwendet hat um die Problematiken der Zeit, über die er im Roman schreibt, auf nuanciertere Weise zu betrachten. Denn an und für sich, ist das Thema des Romans spannend.

Zusammengefasst: problematisch und überbewertet.