Bücher für Fotografieinteressierte

Kennt ihr das auch? Wenn Bücher euch magisch anziehen und ihr einfach nicht anders könnt, als sie zu öffnen und bevor es euch bewusst wird, habt ihr stundenlang Seiten geblättert, die Welt und eure Probleme hinter euch gelassen und seid in andere Welten verschwunden und habt dabei sogar vergessen, dass euer Körper nicht von Buchstaben und Bildern leben kann? Genau so ging es mir als ich noch etwas jünger war, wenn wir meine Großeltern besucht haben. Die haben nämlich fast schon eine kleine Bibliothek an Büchern , die über die Jahre immer weiter gewachsen ist. Damals haben mir es interessanterweise gerade Fotobände angetan, mit denen ich tatsächlich stundenlang, in Bilder vertieft, in einem Sessel sitzen konnte. Vielleicht kommt daher meine Faszination mit der Fotografie?

In jedem Fall haben mittlerweile bestimmt schon einige mitbekommen, dass ich mich für Fotografie ganz besonders interessiere. Ich mache gerne Bilder, liebe es aber auch mich mit den theoretischeren Aspekten dieser Kunst zu beschäftigen, die das Foto im Kontext von gesellschaftspolitischen Prozessen betrachten. Deshalb wollte ich einen kurzen Beitrag zu den Büchern schreiben, die mir viele Einblicke in diese Kunstform geliefert haben aber auch die Spannungsfelder bewusst gemacht haben, in denen sich nicht nur Fotograf*innen sondern auch ihre Bilder bewegen. Ästhetik kann, ob intendiert  oder nicht, sehr politisch sein.

Zuerst möchte ich über die beiden praktischen Bücher schreiben, die ich zum Thema gelesen habe und inwiefern diese hilfreich für mich waren.

1.Read This I You Want To Take Great Photographs. – Henry Carroll

Dieses wundervolle und stilvoll gestaltete Buch (2014) habe ich von meinem Lieblingsmenschen geschenkt bekommen. Im Buch finden sich Fotografien von über 50 berühmten Fotograf*innen, wie z.B Henry Cartier-Bresson und Dorothea Lange. Was aber besonders interessant ist, sind die detaillierten Erklärungen die Carroll im Bezug auf die Bilder schreibt, die zu praktischen Anleitungen für Hobbyfotograf*innen wie mich werden. Das Buch ist dabei in verschiedene Themen gegliedert (Composition, Exposure, Light, Lenses, Seeing) die sehr hilfreich sind um etwas über den verschiedenen Themengebieten zu lernen. Dabei sind die Erklärungen zu der Wichtigkeit dieser unterschiedlichen Themen fast schon poetisch, wie man an folgender Erklärung zu Thema Licht leicht erkennen kann:

You can’t pick it up. You can’t bump into it. You can’t give it a cuddle – light is intangible. But to take great photographs you need to start thinking of light as an object – an object with the elusive power of a shapeshifter.
– Henry Carroll

Fazit: Ein sehr zugängliches und wundervoll gestaltetes Buch, dass wohl eines meiner Lieblingsgeschenke ist.

2. Analog Fotografieren und Entwickeln – Marc Stache

Dieses Buch (2017) habe ich mir zugelegt, nachdem ich unerwartet in den Besitz eines alten Vergrößerers gelangt bin und mein nächstes Projekt die analoge Fotografie ist. Gerade bin ich noch am Ausbau meiner Negativsammlung und schieße regelmäßig Bilder mit der alten Kamera meines Vaters, einer Olympus OM-2. Mein Bad wird daher demnächst zu einer Dunkelkammer umfunktioniert und dann kann das Abenteuer „selbst entwickeln“ schon bald beginnen.

Das Buch ist im Prinzip eine praktische Anleitung nicht nur für das analoge Fotografieren, sondern auch die Gestaltung und den Aufbau einer eigenen Dunkelkammer. Dabei ist es unterteilt in verschiedene Kapitel die sich mit den Grundlagen des schwarz-weiß Fotografierens und auch allgemeiner mit der Filmfotografie beschäftigen. Darüberhinaus enthält es wichtige Tipps und Tricks was die Dunkelkammer betrifft, sowie Erklärungen zu häufig gemachten Fehlern. Da ich eine absolute Anfängerin bin, ist das alles sehr hilfreich und ich bin gespannt auf meine ersten, selbst entwickelten Fotos.

Zur Theorie…

Nachdem ich jetzt die praktischen Bücher vorgestellt habe, möchte ich mich kurz den Texten widmen, die mein Interesse an der analogen Fotografie geweckt haben

3.On Photography – Susan Sontag

Bekanntlich bin ich ein großer Susan Sontag Fan und habe auch schon viele ihrer Essays gelesen. On Photography (1977) ist eine Essaysammlung der US-amerikanischen Schriftstellerin, in der sie sich intensiv mit der Beziehung zwischen Fotografien und der kapitalistischen Moderne auseinandersetzt. Dabei schreibt sie über Künstler*innen wie Diane Arbus und Andy Warhol und spricht kritisch – manche behaupten polemisch – über das Foto also Medium. Eines ihrer zentralen Argumente ist dabei, dass Fotos desensibilisieren und die Betrachtenden davon abhalten politisch aktiv zu werden und Fotos daher u.a. einen entpolitisierenden Effekt haben können. Sontag ist eine bemerkenswert kritische Stimme und ihre Essays waren sehr anregend. Für alle die sich etwas kritischer mit dem Thema Fotografie beschäftigen wollen ist die Sammlung ein absolutes Lesemuss.

4.Regarding the Pain of Others – Susan Sontag

Ein weiteres kurzes Buch Sontags, dass im Jahr 2003 veröffentlicht wurde und oft als postscript zu On Photography gesehen wird, war für mich daher ein muss. In ihm setzt sie sich mit ethischen Fragen auseinander, die sich Betrachtende von Kriegsfotos stellen können/sollten. Ihre Meinung zu Fotografie hat sich dabei seit On Photography gewandelt, was teilweise kritisch gesehen wurde, für mich aber lediglich ihren intellektuellen Lernprozess illustriert. Man wird ja die Meinung noch ändern dürfen, zumindest empfinde ich es als authentischer, als sich Fehler nicht einzugestehen.

Regarding the Pain of Others ist hochrelevant, besonders in Anbetracht der Medienflut an Bildern, die uns tagtäglich die Gräuel von Krieg und Globalisierung vor Augen führen.

5.Known And Strange Things – Teju Cole

Cole’s Essaysammlung (2016), gliedert sich in drei Teile, der relevante für Fotografieinteressierte (und ich sollte Kunstinteressierte hinzufügen) ist der zweite den er „Seeing Things“ nennt. Hier finden sich außergewöhnliche Texte zu Fotografie, erzählt mit einer eindringlichen und persönlichen Stimme, die mich immer noch begleitet. Feststellungen wie

Objects, sometimes more powerfully than faces, remind us of what was and what no longer is; stillness, in photography, can be more affecting than action.
– Teju Cole, in Object Lesson

beschäftigen mich immer noch und haben mir auch die Angst davor genommen, Räume und Objekte festzuhalten, ohne dabei zu fürchten, dass sie langweilig wirken könnten. Denn sie erzählen Geschichten, die manchmal tiefgründiger und bewegender sind als Menschen.

6. Ways of Seeing – John Berger

Diese Essay Collection ist wohl eines der bekanntesten Werke John Bergers und basiert auf der gleichnamigen BBC Serie, die sich zwar nicht nur mit Fotografie auseinander setzt, aber mit der Art wie wir Bilder betrachten. Das Buch erschien 1972 und die Theorie ist dementsprechend in die damaligen Verständnisse von Gesellschaft eingebettet. Beim Lesen musste ich teilweise schlucken, vor allem wenn über Frauen geschrieben wurde, obwohl Berger tatsächlich versucht Kritik an der Darstellung von Frauen in der Kunst zu üben. Leider verfällt er dabei selbst teilweise in misogyne Ansichten und auch seinen Text widmet er großteils einem männlichen Publikum.

Trotzdem war das Buch bemerkenswert kritisch und gerade in den Teilen in denen sich Berger den Zusammenhängen wischen Kapitalismus und Kunst widmet, habe ich viel gelernt. Zumindest hatte ich vorher noch nie über die kommerziellen Aspekte von Ölgemälden nachgedacht und wie sich diese in die moderne Werbung der 1970er übersetzt haben. Dabei würde ich soweit gehen und behaupten, wenn Berger dieses Buch heute schreiben würde, wäre er zu ähnlichen Schlüssen gekommen.

Obwohl er sehr wenig über Fotografie spricht, habe ich hier viele Anregungen zu Fragen gefunden die ich mir selbst nun stelle. Im Bezug auf analoge Fotografie, z.B. inwiefern der Prozess der Entwicklung und die daraus resultierenden Farben, Tönungen und Kontraste Aussagen über die Gesellschaft treffen, in denen sie entwickelt werden. Die Frage lässt sich auch auf digitale Fotos übertragen und rückt die Filter und Berarbeitungsprozesse in ein anderes Licht. Warum legen wir nostalgische Filter über unsere Bilder? Warum empfinden wir das als ästhetisch? Wie lässt sich der/das (?) Selfie erklären. Als Aneignung von Darstellungshoheit? Können dabei sogar Dinge wie der male gaze gekontert werden? Stellt Instagram eine Demokratisierung von Sichtbarkeit dar? Oder geht es einfach um die Kommodifizierung von Lebenswelten? Fragen über fragen zu denen ich gerne noch mehr lesen würde, aber momentan noch nicht die Bücher gefunden habe, die sich mit ihnen beschäftigen. Bisher stehen nur die folgenden Werke auf meiner Liste:

  1. Understanding A Photograph – John Berger
  2. Das Kunstwerk im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit – Walter Benjamin
  3. Centrefolds – Cindy Sherman
  4. Women Photographers and Feminist Aesthetics – Claire Raymond

Falls jemand Tipps zu Büchern und dem Thema Fotografie hat, würde ich mich sehr über diese freuen…

Comment

There is no comment on this post. Be the first one.

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: